Was ist Neo-Malthusianismus?
«eine pessimistische Sichtweise des Verhältnisses zwischen Bevölkerung, Wirtschaftswachstum und Ressourcen, die auf den Ideen von Thomas Malthus beruht, der die Ansicht vertrat, dass das Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum schließlich durch absolute Grenzen von Ressourcen […] gebremst werden würde [sowie] dass ein fortgesetztes Bevölkerungswachstum und die mit der wirtschaftlichen Entwicklung einhergehenden Umweltbelastungen irreversible Schäden an den Umweltsystemen verursachen könnten, die die Grundlage des Lebens bilden. Diese Denkweise wurde durch Bücher wie «Die Grenzen des Wachstums» [Ein Bericht des «Club of Rome»] weit verbreitet.»1
Was sagt Malthus?
«Es ist ohne Zweifel, dass die Zunahme der Bevölkerung – wie stark auch immer die Zunahme der Lebensmittel sein mag – durch letztere begrenzt werden muss, spätestens dann, wenn die Lebensmittel einmal in den kleinstmöglichen Rationen aufgeteilt wurden, die zum Erhalt des Lebens notwendig sind. Alle Kinder, die über das hinaus geboren werden, was zur Aufrechterhaltung der Bevölkerung bis zu dieser Grenze erforderlich wäre, müssten notwendigerweise zugrunde gehen, es sei denn, dass für sie durch den Tod erwachsener Personen ein Platz frei gemacht würde. […] Um konsequent zu handeln, sollten wir daher die Vorgänge der Natur, die diese Sterblichkeit hervorrufen, fördern, anstatt uns törichterweise und vergeblich zu bemühen, sie zu verhindern; und sollten wir die Form der grausamen Hungersnot vermeiden wollen, die so häufig auftritt, müssen wir umso eifriger die anderen Formen der Zerstörung fördern, die wir der Natur verdanken. […] In unseren Städten sollten wir daher die Straßen enger machen, mehr Menschen in die Häuser drängen und die Rückkehr der Pest fördern. Auf dem Land sollten wir unsere Dörfer in der Nähe von stehenden Gewässern bauen und insbesondere die Ansiedlung in allen sumpfigen und ungesunden Gegenden unterstützen. Allem voran sollten wir Heilmittel für ernste Krankheiten verhindern und ebenso auch jene wohlwollenden, aber schwer irrenden Männer, die meinen, der Menschheit einen Dienst zu erweisen, indem sie Strategien zur gänzlichen Überwindung bestimmter Krankheiten entworfen haben. […]. Durch diese und ähnliche Mittel [kann] die jährliche Sterblichkeitsrate von 1 zu 36 oder 40 auf 1 zu 18 oder 20 erhöht werden. Die Natur wird und kann in ihren Bestrebungen nicht bezwungen werden. Die notwendige Sterblichkeit muss in der einen oder anderen Form erfolgen, und die Ausrottung einer Krankheit wird nur den Startschuss für den Ausbruch einer anderen, vielleicht noch tödlicheren bedeuten. […]. Zu den physischen Übeln kämen sicherlich noch politische hinzu. Denn ein Volk, geplagt von ständiger Not und von immer wiederkehrenden Hungerkatastrophen heimgesucht, kann nur durch einen grausamen Despotismus niedergehalten werden.»2 «Es scheint also, dass wir keine andere Möglichkeit haben, als die Menschen in sumpfigen Gegenden anzusiedeln und sie durch eine üble Regierung zu unterdrücken»3
Was sagt Steiner über Malthus?
Zwar sah die Welt mit Aurelio Peccei und Alexander Kings Gründung des Hauptzweiges des «Club of Rome» 50 Jahre später wieder anders aus, aber 1916 konnte Rudolf Steiner über die Ideen des Malthus noch Folgendes sagen:
«Daraus ging ein Prinzip hervor, das, ich möchte sagen, Gott sei Dank nur kurze Zeit wenige verblendet hat, […] das Prinzip des sozialen Malthusianismus»4
Zwei Jahre später genau 50 Jahre vor der Gründung des «Club of Rome», warnte Steiner davor, dass diese Denkrichtung zukünftig in eine Art von sozialem Chaos hineinführen wird:
«Was will denn eigentlich die ganze Volkswirtschaft? – Sie will doch nicht nur, sie kann wenigstens nicht nur verteilen wollen, was da ist, sondern sie muss doch auch darauf sehen, dass etwas da ist, dass materielle Güter wirklich produziert werden. Es kommt ja auch darauf an, dass man der Erde Güter abgewinnt. Wie steht das Verhältnis des Menschen zu den Gütern, die der Erde abgewonnen werden? Darüber hat eigentlich erst Malthus bewusste Gedanken aufgestellt, und zwar liefen seine Gedanken in einer Bahn, die im Grunde genommen schon den Menschen bis zu einem gewissen Grade bedenklich machen kann. […] Er sagte: Wenn man überblickt die Bevölkerungszunahme der Erde – er war der Ansicht, der ja viele moderne Menschen sind, dass die Bevölkerung der Erde immer zunimmt – und wenn man überblickt die Zunahme der geförderten Nahrungsmittel, […] so stellt sich ein Verhältnis heraus. Und Malthus drückt es etwas mathematisch aus, indem er sagt: Die Zunahme der Lebensmittel geht in arithmetischer, die Zunahme der Menschen in geometrischer Progression vor sich. […] Nehmen wir an, das Verhältnis der Nahrungsmittelzunahme ist 1, 2, 3, 4, 5, so würden wir das geometrische Verhältnis haben: 1, 2, 4, 8, 16. Er meint mit anderen Worten, die Bevölkerung nimmt viel schneller zu, als die Nahrungsmittel zunehmen. Er ist also der Ansicht, die Entwickelung der Menschheit kann der Gefahr gar nicht entgehen, dass Kampf ums Dasein eintritt, und dass endlich viel zuviele Menschen da sind im Verhältnis zur Nahrungsmittelzunahme. […] Er kommt dazu, oder wenigstens seine Anhänger kommen dazu, dass es eigentlich gegen die Entwickelung spricht, viel Armenpflege und dergleichen zu treiben, denn dadurch züchtet man nur die Überbevölkerung, und das ist der Menschheitsentwickelung schädlich. Er kommt sogar dazu, zu sagen: Derjenige, der schwach ist im Leben, den lasse man ununterstützt, denn es kommt darauf an, dass die Unzulänglichen im Leben ausgemerzt werden. – Er versucht dann noch andere Mittel, von denen ich hier nicht sprechen will, ich kann es nur andeuten. Das Zweikindersystem sucht er namentlich zu empfehlen, um die Naturtendenz der Übervölkerung hintanzuhalten. Kriege betrachtet er als etwas, was notwendig in der Menschheitsentwickelung auftreten muss, weil eben die Naturtendenz vorhanden ist, dass die Bevölkerungszunahme eine weitaus schnellere ist als die Lebensmittelzunahme. Sie sehen, eine recht pessimistische Anschauung über die wirtschaftliche Menschheitsentwickelung tritt da in die Geschichte ein. […] Dann wurde gewissermaßen immer wieder hingewiesen auf die soziale Struktur selbst, auf die Art und Weise, wie die Menschen das, was da ist, zu verteilen haben, damit sie möglichst großen Wohlstand erzielen; nicht, wie man aus der Erde heraus möglichst viel schafft, sondern mehr auf die Verteilung ging die Frage. Nun, im Laufe der Gedankengänge treten da verschiedene Dinge auf, die zu beachten wichtig ist, weil sie das soziale und sozialistische Denken der Gegenwart vorbereiten, das schon bis zu einem hohen Grade die Menschen hineingeführt hat und noch weiter hineinführen wird in eine Art von sozialem Chaos, aus dem der richtige Ausweg eben ganz notwendigerweise gesucht werden muss.»5
Original: «A pessimist view of the relationship between population, economic growth, and resources, based on the ideas of Thomas Malthus, who argued that population growth and economic growth would eventually be checked by absolute limits on resources such as food, energy, or water. This viewpoint grew in popularity particularly between the 1940s and the 1960s, when population growth and economic development were particularly strong in many countries. Many experts concluded that rapid population growth would eventually be checked by some absolute limit on resources (such as food, energy, or water). There was mounting evidence, too, that continued population growth and the environmental stresses associated with economic development could cause irreversible damage to the environmental systems that support life. This school of thinking was widely promoted through books such as Limits to Growth.» Quelle: https://www.oxfordreference.com/display/10.1093/oi/authority.20110810105455393
Original: «It is an evident truth that, whatever may be the rate of increase in the means of subsistence, the increase of population must be limited by it, at least after the food has once been divided into the smallest shares that will support life. All the children born beyond what would be required to keep up the population to this level must necessarily perish, unless room be made for them by the deaths of grown persons. […] To act consistently therefore we should facilitate, instead of foolishly and vainly endeavoring to impede, the operations of nature in producing this mortality; and if we dread the too frequent visitation of the horrid form of famine, we should sedulously encourage the other forms of destruction which we compel nature to use. […] In our towns we should make the streets narrower, crowd more people into the houses, and court the return of the plague. In the country we should build our villages near stagnant pools, and particularly encourage settlements in all marshy and unwholesome situations1. But above all we should reprobate specific remedies for ravaging diseases; and those benevolent, but much mistaken men, who have thought they were doing a service to mankind by projecting schemes for the total extirpation of particular disorders. If by these and similar means the annual mortality were increased from 1 in 36 or 40, to one in 18 or 20, we might probably every one of us marry at the age of puberty, and yet few be absolutely starved. If however we all marry at this age and yet still continue our exertions to impede the operations of nature, we may rest assured that all our efforts will be vain. Nature will not, nor cannot, be defeated in her purposes. The necessary mortality must come in some form or other; and the extirpation of one disease will only be the signal for the birth of another perhaps more fatal. […] Political evils would probably be added to physical. A people goaded by constant distress, and visited by frequent returns of famine, could not be kept down but by a cruel despotism. We should approach to the state of the people in Egypt or Abyssinia; and I would ask whether in that case it is probable that we should be more virtuous?»Fussnote im Text: «It appears therefore, that we have nothing more to do than to settle people in marshy situations, and oppress them by a bad government.» Quelle: Thomas Robert Malthus «An Essay On The Principle Of Population, Or A View Of Its Past And Present Effects On Human Happiness, with An In Quiry Into Our Prospects Respecting The Future Removal Or Mitigation Of The Evils Which It Occasions», London Reeves and Turner/1878 S. 411-412. Zusatzinfo: Titel der anonym herausgegebenen Erstausgabe: «An Essay On The Principle Of Population, As It Affects The Future Improvement Of Society. With Remarks On The Speculations Of Mr. Godwin, M Condorcet, And Other Writers.» London, Printed for J. Johnson, In St. Pauls Church-Yard 1798.
Aus Fußnote im zitierten Originaltext (hier nicht enthalten)
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